Texte und Recherchen
Geschichten zwischen Recherche und Erzählung
Erst im Erzählen wird aus Geschehenem Geschichte.
Hannah Arendt
USS Ticonderoga vormals Camilla Rickmers,
gebaut 1914 in Bremerhaven.
Ort des Untergangs, USS Ticonderoga am 30. September 1918:
43° 05'N, 38° 43'W auf der Route Norfolk & New York - La Pallice

Navy Service Card, 1898
Rudolf Alicke Ein Leben im Maschinenraum
Ostpreußen war kein Ort, der jemanden festhielt. In Grünhaus bei Gumbinnen wurde Rudolf Alicke im Dezember 1863 geboren – so steht es später in amerikanischen Unterlagen. Selbst das Datum ist nicht ganz stabil; es schwankt um einige Tage. Solche Verschiebungen sind typisch für Biografien, die sich nur aus Akten über Kontinente hinweg rekonstruieren lassen.
Sicher ist: Rudolf ging früh. In einem Passantrag gab er an, bereits 1878 ausgewandert zu sein – mit etwa fünfzehn Jahren. Warum ein Jugendlicher Ostpreußen verließ, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Region war strukturschwach, landwirtschaftlich geprägt, die Zukunft vieler Familien unsicher. Auswanderung war kein Abenteuer, sondern eine Option.
Nach heutigem Forschungsstand lässt sich Rudolf plausibel einer Alicke-Familie aus Grünhaus zuordnen, doch ein endgültiger deutscher Geburts- oder Taufeintrag fehlt bislang. Die Verbindung stützt sich vor allem auf amerikanische Militärunterlagen, die Herkunft und Angehörige nennen. In Altona sind Geschwister mit Geburtsort Grünhaus nachweisbar. Das Bild ist stimmig – aber nicht lückenlos. Gerade diese Lücke gehört zu seiner Geschichte.
In den Vereinigten Staaten erscheint Rudolf durchgehend in technischen Funktionen: als Fireman, Machinist, später Chief Machinist’s Mate der US Navy. Sein Arbeitsplatz war nicht das Deck, sondern der Maschinenraum. Hitze, Kohlenstaub, Schichtdienst. Wer dort arbeitete, musste funktionieren. Herkunft spielte keine Rolle, Können schon.
1898 gehörte er zur Besatzung der USS Petrel, die in der Bucht von Manila im Einsatz war. Um 1900 befand er sich im Marinestützpunkt Cavite auf den Philippinen – in einer Zeit, in der der Konflikt längst in den Philippinisch-Amerikanischen Krieg übergegangen war. Der Alltag bestand weniger aus heroischen Szenen als aus Wartung, Bereitschaft und Belastung im tropischen Klima. Krankheiten wie Malaria oder Ruhr waren verbreitet. Ob Rudolf selbst betroffen war, ist nicht belegt, aber das Risiko gehörte zur Realität.
Über Weihnachten 1901 reiste er nach Deutschland und beantragte im Januar 1902 in Hamburg einen amerikanischen Reisepass. Auffällig ist die Dauer seines Aufenthalts: Rund neun Monate blieb er in Deutschland. Das wirkt nicht wie ein flüchtiger Besuch. In Altona lebte seine Schwester mit Familie, im norddeutschen Raum auch weitere Angehörige. Möglicherweise prüfte er, ob ein dauerhaftes Leben in Deutschland denkbar wäre. Ende August 1902 kehrte er in die USA zurück und trat erneut in die Navy ein. Die Entscheidung wird in den Akten nüchtern vermerkt – ohne Erklärung.
1915 ist Rudolf in New Jersey als Maschinist nachweisbar. Als die Vereinigten Staaten am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, benötigte die Navy erfahrene Fachleute. 1918 wurde er auf die USS Ticonderoga versetzt – ein ehemaliges deutsches Handelsschiff, das nach Kriegseintritt der USA beschlagnahmt und in Dienst gestellt worden war.
In der Nacht vom 29. auf den 30. September 1918 wurde die Ticonderoga im Atlantik vom deutschen U-Boot U-152 angegriffen. Das Gefecht dauerte mehrere Stunden. Schließlich sank das Schiff; nur wenige der über 200 Männer an Bord überlebten.
In Berichten von Überlebenden erscheint Rudolf Alicke in einer besonderen Situation: Als deutscher Muttersprachler soll er nach dem Untergang kurzzeitig an Bord des U-Bootes geholt worden sein, um zwischen Deutsch und Englisch zu übersetzen. Anschließend sei er wieder auf ein Floß gesetzt worden. Dieses Floß ging später verloren. Rudolf gehörte nicht zu den Geretteten.
Für seinen Dienst wurde er posthum ausgezeichnet. Ein Grab existiert nicht; er gilt als auf See geblieben.
Was von Rudolf Alicke bleibt, sind Akten, Einträge und eine Biografie ohne großes äußeres Pathos. Kein Vermögen, keine direkten Nachkommen, kein Haus, das seinen Namen trägt. Und doch zeigt sein Lebensweg exemplarisch, wie sehr die Moderne von Menschen getragen wurde, die im Hintergrund arbeiteten – im Maschinenraum von Schiffen, in technischen Systemen, fern von Öffentlichkeit und Erinnerung.
Ein Mann aus Ostpreußen, der früh ging, selten blieb und bis zuletzt dort stand, wo Leistung gebraucht wurde.
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