Texte und Recherchen

Geschichten zwischen Recherche und Erzählung

Erst im Erzählen wird aus Geschehenem Geschichte.

Hannah Arendt


Rekonstruktion der Kapelle mit Schule (errichtet 1718)

nach Unterlagen aus dem Pfarrarchiv Immendorf und

Oswald Weiler, Ortsgeschichte Rondorf


Rekonstruktive Darstellung der Rondorfer Kapelle nach historischer Vorlage (Acrylbild, Carola Steiner).

Postkarte zur Grundsteinlegung der neuen katholischen Kirche in Rondorf am 23. April 1899 (Privatbesitz C.Steiner).

Die Grundsteinlegung der neuen Kirche am 23. April 1899 markierte einen bewussten Neubeginn. Mit dem Abriss der alten Kapelle verlagerte sich das kirchliche Zentrum Rondorfs an die heutige Rondorfer Hauptstraße.

Die Kapelle der Heiligen Drei Könige 
in Rondorf
Spuren eines Ortes zwischen Weg, Glaube und Gemeinschaft

Wer heute durch Rondorf geht, ahnt kaum, wie tief die Geschichte dieses Ortes zurückreicht. Lange bevor sich ein geschlossenes Dorf bildete, war die Gegend bereits von Wegen, Höfen und frühen Siedlungen geprägt. Archäologische Funde zeigen, dass hier schon in römischer und fränkischer Zeit Menschen lebten und ihre Spuren hinterließen.

Ein Arm der römischen Straße von Köln nach Bonn verlief westlich an Rondorf vorbei. Südlich des heutigen Ortskerns wurden römische Gebäudereste entdeckt. Im Frühjahr 1875 stieß man zudem auf fünf fränkische Gräber aus großen Tuffsteinplatten. Die Beigaben waren insgesamt spärlich, doch ein hohes Trinkglas verdient besondere Erwähnung. Solche Funde machen deutlich, dass Rondorf kein zufälliger Punkt auf der Landkarte war, sondern Teil eines früh genutzten und besiedelten Raumes.

Frühe Erwähnungen und kirchliche Bindungen

Der Ort Rondorf wird bereits im Jahr 922 urkundlich erwähnt. Schon früh besaßen mehrere Kölner Klöster hier Grund und Boden, darunter St. Ursula und St. Cäcilia. Diese enge Verbindung zu kirchlichen Institutionen prägte die Entwicklung des Ortes über viele Jahrhunderte hinweg.

Im Jahr 1233 wird erstmals eine Kapelle in Rondorf erwähnt. Sie stand an der heutigen Kapellenstraße auf dem Gelände des damaligen Büchelhofes. Der westliche Teil des Gebäudes bestand aus Bruchsteinen, war klein – etwa sechs mal sechs Meter – und mit gotischen Gewölbebalken versehen. Von der Kapellenstraße führte eine Treppe die Böschung hinauf zu dem schlichten Gotteshaus, das eng mit dem Hof und dem umgebenden Siedlungsbereich verbunden war.

Die Kapelle und ihre Weihe

Die Rondorfer Kapelle war den Heiligen Drei Königen geweiht. Diese Weihe steht vermutlich im Zusammenhang mit einer alten Weglegende: In den Tagen um den 23. Juli 1164 sollen die Reliquien der Heiligen Drei Könige auf ihrem Weg nach Köln über Rondorf geführt worden sein. Kaiser Friedrich Barbarossa hatte sie aus Mailand mitgebracht und dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel übergeben.

Nach der nicht gesicherten Überlieferung wurden die Reliquien zunächst an einer Stelle nahe St. Maria im Kapitol zwischengelagert, bevor sie im karolingischen Dom untergebracht wurden. Dieses Ereignis gilt als einer der Auslöser für den späteren Bau des gotischen Kölner Doms. Ob der Weg der Reliquien tatsächlich über Rondorf führte, lässt sich historisch nicht belegen. Doch die Weihe der Kapelle zeigt, wie stark solche Erzählungen das religiöse Selbstverständnis eines Ortes prägen konnten.

Bis zur Säkularisation stand die Kapelle unter dem Schutz der Klöster St. Cäcilia und St. Anna zum Lämmchen.

Baugestalt und Ausstattung

Das kleine Gotteshaus bestand aus einem spätgotischen Westbau und einem im 18. Jahrhundert angebauten Ostteil gleicher Breite. Ein eigener Choranbau war nicht vorhanden. Der Westteil war teilweise aus Bruchstein errichtet, in den oberen Partien – insbesondere an der Giebelseite – aus Backstein. Der Ostteil bestand vollständig aus Backstein. Beide Bauteile trugen ein gemeinsames, schiefergedecktes Satteldach, aus dem sich ein kleines pyramidenförmiges Glockentürmchen erhob.

Im Inneren befand sich ein rechteckiger, flachgedeckter Saal. In den Westecken waren noch spätgotische Gewölbekonsolen erhalten. Zur Ausstattung gehörte unter anderem eine hölzerne Madonna aus dem frühen 15. Jahrhundert, die später durch einen Ölanstrich stark verändert wurde. Ein spätromanischer Weihwasserkessel aus Bronze gelangte später in das Bonner Provinzialmuseum.

Erweiterungen und Nutzung im 18. und 19. Jahrhundert

Um 1730 wurde die Kapelle unter Pfarrer Leonard Soenius aus Immendorf nach Osten erweitert. Der neue Teil bestand aus Backsteinen und schuf einen größeren, flachgedeckten Raum. Ein einfacher Altar mit weiß gestrichenem Aufsatz und einem gerahmten Bild der Heiligen Drei Könige bildete den liturgischen Mittelpunkt.

In der Woche wurden ein bis zwei Messen in der Kapelle gelesen, sonntags fanden die Gottesdienste in Immendorf statt. Lediglich am Patronatsfest wurde in Rondorf gefeiert. Zwanzig Kniebänke in zwei Reihen boten Platz für die Gemeinde.

Im Jahr 1750 wurde die Kapelle offiziell der Pfarrei Immendorf zugeordnet, um 1800 entstand eine eigene Kapellengemeinde. 1861 erhielt das Gebäude ein neues Türmchen; die alte Glocke wurde eingeschmolzen und durch eine neue ersetzt. Nach einem Diebstahl von sechs Messingleuchtern im Jahr 1865 sicherte man die Fenster mit schweren eisernen Gittern.

Der Kapellenbauverein und der Neubau

Am 1. März 1865 gründeten engagierte Rondorfer Bürger in der Gaststätte Burbach einen Kapellen- und Kirchenbauverein. Ziel war es, einen Fonds zur Unterhaltung der Kapelle zu schaffen, die Besoldung eines Geistlichen zu sichern, ein Wohnhaus zu erwerben und perspektivisch eine Erweiterung oder einen Neubau zu ermöglichen. Über Jahrzehnte kamen beträchtliche Summen zusammen – zwischen 1870 und 1899 wurden rund 17.000 Mark gestiftet.

1883 erhielt die Kapelle einen neuen Altar mit einem geschnitzten Aufbau des Kölner Bildhauers Josef Fink. Das Motiv der Heiligen Drei Könige orientierte sich an dem bekannten Dombild von Stephan Lochner.

Trotz aller Bemühungen wurde die alte Kapelle 1897 von kirchlicher Seite als für die Feier der heiligen Messe unwürdig eingestuft. Damit fiel der Entschluss zum Neubau.

Der Architekt Jacob Marchand entwarf eine neue Kapelle im neugotischen Stil aus Backstein. Nach den erforderlichen Genehmigungen durch Kirche und Baupolizei erfolgte 1899 der erste Spatenstich. Am 23. April 1899 wurde der Grundstein gelegt, am 26. Dezember desselben Jahres – am Fest des heiligen Josef – die neue Kapelle feierlich benediziert. Die Baukosten beliefen sich auf über 34.000 Mark.

Abschied von der alten Kapelle

Im Jahr 1902 wurde die alte Kapelle an der Kapellenstraße abgerissen. Beim Abtragen des Bodens stieß man auf zahlreiche Bestattungen von Erwachsenen und Kindern. Offenbar war das Gotteshaus einst von einem kleinen Friedhof umgeben.

Vor dem Altar fand man die sterblichen Überreste eines Priesters, bekleidet mit einer Stola, Rosenkranz und Sterbekreuz in den Händen. Der Überlieferung nach handelte es sich um Pfarrer Roderich aus Immendorf, der 1748 verstorben war und sich diese Stelle als Begräbnisort gewünscht hatte. Die Gebeine wurden später auf den Friedhof in Immendorf überführt.

Ein Ort, der mehr ist als ein Gebäude

Die Geschichte der Rondorfer Kapelle zeigt, wie eng Ort, Weg, Glaube und Gemeinschaft miteinander verwoben sind. Die Kapelle war nie nur ein Bauwerk. Sie war Orientierungspunkt, Erinnerungsort, Treffpunkt und Ausdruck eines gemeinsamen religiösen Lebens. Auch wenn sie heute nicht mehr existiert, wirkt sie in Quellen, Erzählungen und Bildern weiter – als Teil der gewachsenen Geschichte Rondorfs.

Vom historischen Ort zur heutigen Kirche

Mit dem Neubau der Kapelle Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich das religiöse Zentrum Rondorfs an die heutige Hauptstraße. Die weitere Entwicklung der Kirche der Heiligen Drei Könige – ihre baulichen Veränderungen, Erweiterungen und ihre Bedeutung für das Gemeindeleben – ist eng mit der Geschichte des Ortes im 20. Jahrhundert verbunden.

Diese jüngere Bau- und Nutzungsgeschichte ist ausführlich auf der Website der katholischen Kirchengemeinde Heilige Drei Könige dokumentiert.


→ Zur Baugeschichte der Kirche Heilige Drei Könige
https://www.heilige-drei-koenige.de/unsere-gemeinde/kirchen/hl-drei-koenige/

zurück "Texte und Recherche"

Gedanken, Recherchen und Texte wie dieser

erscheinen unregelmäßig auch per Newsletter.

Anmeldung Newsletter