Texte und Recherchen
Geschichten zwischen Recherche und Erzählung
Erst im Erzählen wird aus Geschehenem Geschichte.
Hannah Arendt

Das Grab von Pfarrer Nikolaus Houallet auf dem Immendorfer Friedhof.
Ein schlichter Stein mit schmiedeeiserner Einfassung, nahe dem Weg zum Eingang der Kirche.

Vorderseite des Totenzettels von Nikolaus Houallet.
Quelle: Archiv Erzbistum Köln.
Nikolaus Houallet
Spuren eines Pfarrers
Nikolaus Houallet – Spuren eines Pfarrers
Nikolaus Houallet wurde am 27. Juni 1840 in Hermeskeil im heutigen Rheinland-Pfalz geboren. Er entstammte einer katholisch geprägten Familie, deren sozialer Hintergrund durch Bildung, Verwaltungstätigkeit und religiöse Bindung bestimmt war. Seine Biografie erschließt sich aus den überlieferten Spuren einer Familiengeschichte, die von Mobilität, staatlichem Dienst und einem ausgeprägten Pflichtverständnis geprägt ist.
Familie und frühe Lebensumstände
Sein Vater Johann Baptist Houallet war Haupt-Steueramts-Assistent und in verantwortlicher Stellung im staatlichen Verwaltungsdienst tätig. Er wurde am 25. Dezember 1801 geboren und heiratete am 28. September 1830 in Hermeskeil Barbara Fitzer. Aus der Ehe gingen innerhalb von elf Jahren acht Kinder hervor. Nikolaus hatte drei Brüder und vier Schwestern.
Johann Baptist Houallet war der älteste Sohn von Antoine (Antonii) Houallet, der als Gendarm im staatlichen Dienst stand. Antoine Houallet heiratete am 15. Juni 1802 in Wadern Margaretha Weitzmann. 1805 wurde eine Tochter, Maria Anna Houallet , geboren.
Antoine Houallet starb am 24. Dezember 1813 im Alter von 44 Jahren. Er hinterließ seine Frau mit mehreren minderjährigen Kindern. Johann Baptist Houallet war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt. Neben ihm lebten vier jüngere Schwestern, von denen die jüngste erst drei Jahre alt war. Die Verantwortung für die Familie lag fortan bei der Mutter. Der älteste Sohn wuchs früh in eine tragende Rolle innerhalb der Familie hinein.
Herkunft und räumliche Bewegung
Die Familie Houallet war nicht an einen einzelnen Ort gebunden. Ursprünglich stammte sie aus Wadern, das kirchlich nie zur Pfarrei Hermeskeil gehörte und heute im Saarland liegt. Verwaltungs- und berufsbedingte Bezüge nach Hermeskeil entstanden erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts.
Französischsprachige Urkunden verweisen auf eine weiterreichende Herkunft. Eine Heiratsurkunde aus der Zeit der französischen Verwaltung nennt Antoine Houallet als 31-jährigen Gendarmen, geboren am 19. März 1770 (alter Stil) in Dampierre im Département de la Seine im Umfeld des heutigen Großraums Paris. Er war der Sohn von Pierre Adrien Houallet, der bereits vor der Eheschließung seines Sohnes verstorben war und ebenfalls in Dampierre lebte. Auch für weitere Familienmitglieder ist ein Aufenthalt in Dampierre urkundlich belegt.
Der Übergang vom französischen Kernraum in den Saarraum vollzog sich in der Zeit der Französischen Revolution und der napoleonischen Neuordnung Europas. Verwaltung, Dienstpflicht und rechtliche Kontinuität bestimmten das berufliche Handeln. In diesem Zusammenhang ist der Eintritt Antoine Houallets in den Gendarmeriedienst zu verorten.
Vom Staatsdienst zum kirchlichen Amt
Diese institutionelle Bindung setzte sich in der nächsten Generation fort. Johann Baptist Houallet trat in den Steuerdienst ein und wirkte innerhalb des preußischen Verwaltungsapparates. Beruflich bedingte Ortswechsel führten die Familie später nach Düsseldorf, wo Johann Baptist Houallet am 20. September 1871 im Alter von 69 Jahren starb.
Nikolaus Houallet besuchte das Gymnasium in Düsseldorf. 1861 immatrikulierte er sich an der Universität Münster. Seine theologischen Studien setzte er an der Universität Bonn fort und absolvierte die Ausbildung im Priesterseminar zu Köln, die er mit gutem Erfolg abschloss. Am 4. September 1865 empfing er die heilige Priesterweihe.
In den folgenden zweieinhalb Jahren war er als Rektor in Heiligenhaus in der Pfarrei Homberg tätig. Anschließend wurde er zum Pfarrvikar in Schlebusch ernannt und nach dem Tod des dortigen Pfarrers zum Pfarrverwalter bestellt. Infolge des Kulturkampfes verblieb er über längere Zeit in dieser Stellung. Am 1. Juni 1889 erfolgte seine Ernennung zum Pfarrer von Immendorf.
Kulturkampf im Rheinland und im Erzbistum Köln
Der Kulturkampf wurde im Rheinland mit besonderer Konsequenz umgesetzt. Das Erzbistum Köln gehörte zu den zentralen Konflikträumen zwischen staatlicher Gesetzgebung und kirchlicher Autorität. Geistliche unterlagen staatlicher Aufsicht, kirchliche Strukturen wurden kontrolliert, Ämter nicht besetzt oder entzogen.
Der Kölner Erzbischof Paulus Melchers (1813–1895) widersetzte sich den staatlichen Eingriffen in kirchliche Angelegenheiten. Er wurde 1874 verhaftet und des Landes verwiesen. Die Leitung des Erzbistums erfolgte über Jahre hinweg aus dem Exil. Zahlreiche Priester wurden verfolgt, verurteilt oder in ihrer Amtsausübung eingeschränkt.
Der kirchliche Dienst vollzog sich unter rechtlicher Unsicherheit, politischer Kontrolle und öffentlichem Druck. Pfarrer standen zwischen staatlichen Vorgaben und kirchlicher Verpflichtung.
Zeitgenössische Quellen, insbesondere der Totenzettel von Nikolaus Houallet, nennen Begriffe wie Pflicht, Treue, Unverdrossenheit und Ausdauer. Sie benennen die Ausübung des Amtes unter diesen Bedingungen. Nikolaus Houallet wirkte auf der Kanzel, im Beichtstuhl, am Krankenbett und in der Schule. Er blieb bis wenige Tage vor seinem Tod tätig und brach während seines Dienstes zusammen.
Was bleibt von Nikolaus Houallet?
Nikolaus Houallet steht in einer Familien- und Amtsgeschichte, die über mehrere Generationen hinweg durch staatlichen und kirchlichen Dienst gekennzeichnet ist. Der frühe Tod des Großvaters Antoine Houallet, die Verantwortung des Vaters als ältester Sohn einer kinderreichen Familie sowie die kontinuierliche Bindung an institutionelle Ordnung bilden den biografischen Rahmen.
Sein Lebensweg zeigt, wie persönliche Biografien, berufliche Laufbahnen und politische Umbrüche ineinandergreifen. Er steht damit innerhalb einer größeren Geschichte: einer Familien- und Amtsgeschichte, in der Ordnung, Verantwortung und Verlässlichkeit über Generationen hinweg Bedeutung hatten.
Dieser Text basiert auf archivarischen Quellen,
genealogischen Befunden und zeitgeschichtlicher Einordnung.
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